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György Ligeti - Ramifications
Ein fast schon unsterbliches Meisterwerk ist Ramifications für Streichorchester oder 12 Solostreicher von György Ligeti, das kompositorisch eine Weiterentwicklung weg von statischen zu durchbrochenen und beweglichen Klangbildern darstellt. Ramifications, zu Deutsch Verästelungen, bezieht sich auf die polyphone Technik der Stimmführung: Die Einzelstimmen bewegen sich in unterschiedliche Richtungen, finden in raren Momenten wieder zueinander und bewirken so ein Wechselspiel aus Vereinigung und Verästelung in der Musik. Dadurch dass eine Streichergruppe einen Viertelton tiefer gestimmt ist als die andere, entsteht ein vibrierendes Netz aus 24 Tonhöhen, die daraus resultierende Musik ist jedoch nicht vierteltönig, zu hören sind lediglich kleinere mikrotonale Abweichungen. Dieses anspruchsvollen Werkes annehmen wird sich die Zuger Sinfonietta am 07.03. im Theater Casino Zug und am 08.03. im Lorzensaal in Cham unter Leitung von Jascha von der Goltz.
Karl Amadeus Hartmann - Concerto funebre
Musik der Trauer nannte der deutsche Komponist Karl Amadeus Hartmann sein Violinkonzert, dessen Urfassung erstmals 1940 im schweizerischen St. Gallen aufgeführt worden war. Ohne in die Emigration zu flüchten distanzierte sich der Komponist mutig und standhaft vom Nationalsozialismus, an eine Aufführung seiner Werke in Deutschland war schlicht nicht zu denken. In dem 1934 geschriebenen Werk Concerto funebre greift Hartmann die Schrecken seiner Zeit auf und wirft einen finster-prophezeienden Blick in Richtung des Zweiten Weltkriegs. Ein Konzert, geprägt von widerspenstigem Mut und einem unerschütterlichen Glauben - bis zuletzt. Ein reines Streicherwerk ist es, die vier Sätze gehen fliessend ineinander über, mit einem Choral in der Solovioline beginnt es und endet ebenfalls mit einem Choral, dessen Charakter mit einem langsamen Schreiten, einer liedartigen Melodie beschrieben werden kann. Eine Musik, die bestürzt, ein Komponist, den es immer wieder neu zu entdecken gilt. Ein weiteres Mal bietet sich die Gelegenheit am 28.02. im Zentrum Paul Klee in Bern mit der Camerata Bern unter der Leitung von Alina Ibramigova.
György Kurtág - 4 Capriccios für Sopran und Kammerorchester
Zu den ganz grossen lebenden Komponisten der Gegenwart zählt György Kurtág, der derselben Generation wie Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez angehört. Seine Popularität reicht jedoch weit über den Kreis des manchmal auch etwas radikalen Avantgarde-Zirkels hinaus. Er ist Vertreter einer zeitlosen Musik, die Tradition und Moderne vereint. Seine Werke sind ein Aufruf, hinzuhören, nachzudenken, zu fühlen und dienen als eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Von einer aussergewöhnlichen Reduktion geprägt ist die Musik, so hochkonzentriert und dicht wie György Kurtág komponiert niemand. Oft dauern seine Werke nur wenige Minuten, manchmal nur Sekunden und weisen dennoch unglaublich viel Tiefe auf. Jedes Stück ist ein kleines Universum voller Botschaften und Bezüge zu anderen Komponisten von Bach bis Ligeti, zu Literatur, unermüdlich dreht er das einmal Geschaffene um, beleuchtet es neu, ändert und knüpft an. Kurz: Mit seiner reduzierten Kunst stösst er auf die Begeisterung von Publikum und Kolleginnen. Am 19. Februar ist György Kurtág 100 Jahre alt geworden, wir gratulieren nachträglich. Zahlreiche Orchester und Ensembles erweisen ihm zu diesem Anlass in dieser Saison eine Extra-Reverenz, auch das Collegium Novum Zürich mit 4 Capriccios für Sopran und Kammerorchester auf Texte von István Bálint. Auch dieses Werk gilt als ein zentrales, hochkomplexes der neuen Musik, das durch extreme Verdichtung, feine Klangnuancen und virtuose Anforderungen an Stimme und Ensemble besticht. Die nächste Gelegenheit, sich mit dieser reichen Klangwelt vertraut zu machen, bietet sich am 26.02. in Radiostudio Brunnenhof in Zürich.
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Paul Hindemith - Cardillac
Wer bei Cardillac Schmuckstücke erwirbt, lebt gefährlich. So sehr hängt der passionierte Goldschmied an seinen selbst gestalteten und geschaffenen Preziosen, ja geradezu besessen ist er von ihnen, dass er nach dem Verkauf alles daran setzt, die Kunstwerke wieder zurückzubekommen, auch wenn dafür das eine oder andere Menschenleben geopfert werden muss. Paul Hindemith und sein Librettist Ferdinand Lion griffen für ihre Oper Cardillac auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ zurück, in welcher ein Kriminalfall in Form einer psychopathologischen Studie beleuchtet wird und von Versuchung, Sucht, Gier und Künstlertum handelt. Hindemith hat diesen Plot in sein Werk, das 1926 uraufgeführt wurde, in drei Akte komprimiert, mit knapp zwei Stunden ist Cardillac damit eine eher kurze, aber auch kurzweilig gehaltene Oper. Stilistisch kann Cardillac dem neobarocken Stil zugeordnet werden: Das Orchester ist klein besetzt, die Pantomime am Ende des ersten Akts ist als Concertino für zwei Flöten angelegt, das Duett von Cardillac und seiner Tochter als Fuge. Die Musik ist mitreissend, sehr klangvoll und nicht wirklich sperrig, was man vom Libretto nicht unbedingt behaupten kann. Diese beiden Ebenen in einer Inszenierung überzeugend und verständlich auf die Bühne zu bringen ist eine Herausforderung, welcher man sich nun in dieser Saison am Opernhaus Zürich gestellt hat, nach wie vor stellt. Die viel umjubelte Première ist bereits am 15.02. über die Bühne gegangen, zahlreiche Folgeaufführungen sind bis in den März hinein angesetzt. Geboten wird ein unterhaltsamer Psychokrimi selbstverständlich auf höchstem künstlerischen Niveau mit dem Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Fabio Luisi in einer Inszenierung von Kornél Mundruczó.
Henry Purcell - The Fairy Queen
Ein Sommernachtstraum ist nicht von ungefähr eines von William Shakespeares meistgespielten und auch vertonten Stücken: So inspirierend ist die Welt der Elfen und so unberechenbar-unbeständig die menschliche Liebe, dass der Stoff bis heute zu fesseln vermag. Die Semi-Oper The Fairy Queen von Henry Purcell beruht auf eben diesem Stoff des genannten Stückes und zeichnet sich dadurch aus, dass die gesprochenen Dialoge durch Gesang und Tanz erweitert wurden. Die virtuos verwobenen Geschichten des Stücks sind rasch erzählt: Die Hochzeit des Königspaares von Athen ist Anlass für den sommernächtlichen Reigen, davor sind drei Nächte angesagt, die in einem märchenhaften Wald verbracht werden dürfen. Hier regieren Titania und Oberon und der Kobold Puck. Zaubertränke machen die Runde, die Experimentierfreude wächst, Paare werden getauscht, kurz: Die Nacht im Wald setzt die Gesetze des Tages ausser Kraft, jede und jeder offenbart ganz eigene Träume und Sehnsüchte, so dass ein Raum voller neuer Möglichkeiten entsteht. Dieses opulente Fest wird nun einmal mehr als Wiederaufnahme bei Konzert und Theater St. Gallen gefeiert werden. Erstmals im Juni 2024 im Rahmen der St. Galler Festspiele auf dem Flumserberg in der freien Natur angesetzt, hätte das Naturidyll eigentlich als perfekte Kulisse gedient, um das muntere Treiben in The Fairy Queen haut-oder eben naturnah mitzuverfolgen. Hätte, denn Unwetter verbunden mit heftigen Gewittern machte den Veranstaltern förmlich einen Strich durch die Rechnung, so dass sogar drei Aufführungen abgesagt werden mussten. Nun wagt man in dieser Saison einen weiteren Anlauf und setzt mit der Indoor-Variante auf die sichere Karte. Wie herausfordernd es war, dieses gigantische Freiluftspektakel in einem geschlossenen Raum mit begrenzten Kapazitäten umzusetzen, zeigt der Trailer zu dieser Produktion sehr eindrücklich auf. Vom Resultat der Anstrengungen kann man sich nun ab dem 07.02.im Stadttheater St. Gallen überzeugen lassen - mit dem Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Robert Howarth.
Schott journal
Wasser ist seit Jahrtausenden ein zentrales, vielschichtiges Motiv in der Kunst und in allen Kunstepochen, welches Leben, Reinheit, Vergänglichkeit aber auch ungebändigte Naturgewalt symbolisiert und somit eine gewisse Faszination ausübt, nicht zuletzt deshalb, weil es in der Natur als einziges Element in drei Aggregatszuständen vorkommt und damit in welcher Form auch immer beruhigend wirken, aber natürlich auch eine bedrohliche Atmosphäre erzeugen kann - kurz: Wasser ist der Ursprung allen Lebens und auch in der Kunst in vielerlei Formen präsent. Der Grund für die Popularität des Wassers als Motiv bei Kunstschaffenden liegt einerseits an seiner existenziellen und kulturellen Bedeutung für das menschliche Leben, andererseits an seinen physikalischen Eigenschaften mit den daraus resultierenden vielfältigen gestalterischen Möglichkeiten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die Redaktion des Schott journals dieses facettenreiche Element als Themenschwerpunkt in den Fokus stellen würde. Und man ist förmlich in die Weiten des umfangreichen Verlagskataloges passend zu der Thematik eingetaucht und mehr als fündig geworden. Eine ganze Reihe an Werken mit dem entsprechenden Themenbezug aus allen Epochen und Stilrichtungen werden in der neuen Ausgabe des Schott journals sehr ausführlich vorgestellt. Hinweise auf Uraufführungen weltweit, Neuerscheinungen und Einspielungen runden die Themenvielfalt auch dieser Ausgabe ab.
Frank Martin - Schweizer Fonogramm
Frank Martin bekannt für seine meisterhafte Verschmelzung unterschiedlicher Stile, schuf Werke, die Einflüsse der Barockmusik, der Romantik und des zwanzigsten Jahrhunderts vereinen. Besonders prägend war für ihn die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg, die er auf subtile Weise in seine Kompositionen einarbeitete, ohne dabei den tonalen Bezug zu verlieren. Leider werden seine Werke auf den Konzertbühnen weltweit noch nicht so oft gespielt, wie sie es verdient hätten, mit Ausnahme der Schweiz natürlich, wo der Komponist anlässlich seines 50. Todestages 2024 und auch aktuell ein wahres Revival erlebt. Jüngst bei dem Label Schweizer Fonogramm eingespielt worden sind drei Schlüsselwerke von Frank Martin: Das Concerto pour 7 instruments à vent et orchestre mit einer mehr als ungewöhnlichen Besetzung - jedem der 7 Instrumente wird eine Bühne gegeben im regen Austausch untereinander aber natürlich auch mit dem begleitenden Orchester. In Études pour orchestre à cordes wiederum hat das Orchester seinen grossen Auftritt, und Polyptyque pour violon et 2 petits orchestres à cordes, inspiriert von einem mehrteiligen Altar, gilt als Meisterwerk des 20. Jahrhunderts und wird seit seiner Uraufführung 1973, weltweit regelmässig aufgeführt. Frank Martin bekam den Kompositionsauftrag zum 25-jährigen Bestehen des Internationalen Musikrats durch Yehudi Menuhin, der das Werk als Solist auch zur Uraufführung brachte. Eine CD-Einspielung der Extraklasse liegt nun vor und quasi als Supplément ist sie völlig verdient mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet worden. Wir gratulieren herzlich und sehen diesen Preis als ein starkes Plädoyer für mehr Frank Martin in den Konzertsälen dieser Welt.